Zurück zur Startseite
Seite übersetzen / Translation:

Geschichte des Papiergelds - Banknoten und kurioses Notgeld

Kai Lindman erzählt in seinem Artikel die Geschichte des Papiergeldes mit speziellen Blick auf Notgeldausgaben.

Deutsches Reich - 50 Milliarden Mark vom Oktober 1923

Deutsches Reich - 50 Milliarden Mark vom Oktober 1923

Anzeigen von google
Anzeigen von google

Kurioses Notgeld - PAPIERGELD

VORWORT, EINFÜHRUNG Text: Kai Lindman, Fotos: Oliver Sens und Thomas Schmidtkonz

 Der Anfang 

Es war ein harter Kampf für die Menschen, aber mit der ihnen eigenen Beharrlichkeit ließen sie sich auch von gewaltigen Rückschlägen nicht schrecken und entwickelten sich langsam aber sicher zur beherrschenden Rasse auf der Erde. 
Aus Jägern und Sammlern wurden Hirten, Fischer und Bauern. Die Sippen wurden größer und die Arbeitsteilung nahm zu. Doch mit fortschreitender Spezialisierung wurde auch der Handel immer notwendiger und schon bald war man an die Grenzen dessen gelangt, was mit Tauschhandel machbar war. 
"Was tun?" fragte sich unser Urahne - und er erfand das Geld.

 Die ersten Münzen 

Nicht lange dauerte es, und das Geld regierte die Welt. Und weil das so war, sollte es auch nach etwas aussehen. Schon wurden die Metallstücke nicht mehr einfach nur nach Gewicht getauscht, sondern man begann, sie zur Selbstdarstellung zu nutzen und mit allerlei Bildern und Worten zu versehen.

Altgriechische Münze aus der Antike

Der Beruf des Münzherstellers gehörte zu den angesehensten und die Herrscher wachten eifersüchtig über das Wohl und Wehe ihrer Finanzen. Einigen jedoch war das Wachen zu mühsam. Sie gaben das Geld lieber mit vollen Händen aus und wenn nichts mehr da war, erließen sie eine neue Steuer, um noch mehr davon aus ihren Untertanen herauszupressen. 
So ließ es sich eine Zeitlang lustig leben. Irgendwann jedoch gab es nichts mehr zu holen und dann machte man eben bankrott; verloren das Geld, verloren die Macht und - oft genug - auch das Leben. 
Der Geldumlauf wuchs. Die klugen Reichen wurden immer reicher. Manchem klugen Armen gelang es, ein kluger Reicher zu werden. Aber die Masse blieb arm und viele wurden immer ärmer.

 
 Schwere Münzen
Bald waren die Metallstücke so groß und unhandlich, dass man sie nur noch mit großem Kraftaufwand bewegen konnte. Schwedisches Kupfergeld wurde in großen Platten hergestellt, deren 8 Taler- Stücke im 17. Jahrhundert fast 20 kg wogen und für jedes Portemonnaie zu groß waren. 

Auch die Herzöge von Braunschweig und Lüneburg, die das Glück hatten, im Harz Edelmetalle fördern zu können, prägten gewaltige Mehrfachtaler aus Silber, die mit einem Durchmesser von über 70 Millimetern und einem Gewicht von rund 465 Gramm für das 16-Taler-Stück des Herzogs Julius von 1588 gewaltige Anforderungen an die Haltbarkeit der Hosennähte stellten. (Wenn auch wohl niemand mit so einem Stück in der Tasche spazieren ging; 16 Taler waren damals ein riesiges Vermögen!)

 
 Banknoten in China 
So wuchs allenthalben - natürlich nur bei den Besitzenden - der Wunsch nach Erleichterungen im Zahlungsverkehr. Wenn man sich auch mit Kreditbriefen, Wechseln und anderen schriftlichen Vereinbarungen behalf, noch war der Wert des Geldes an den Wert des Metalles gekoppelt, aus dem die Münzen hergestellt waren. 
Doch halt, da gab es ja nicht nur uns Mitteleuropäer auf dieser Welt, auch wenn wir uns für den Nabel derselben hielten. Nein, da waren doch Gerüchte von fernen Völkern an unser Ohr gedrungen. Hatte da nicht so ein tollkühner Venezianer es gewagt, immer weiter nach Osten zu reisen, und war er dabei nicht zu einem hochzivilisierten Volk gelangt, das schon seit Jahrtausenden Geld aus Papier besaß? 
Nun, was da Marco Polo 1296 über das Geldwesen der Chinesen berichtete, stieß bei uns auf Unglauben und auf Ablehnung, dennoch entsprach es den Tatsachen. Obwohl in China schon seit dem 7. Jahrhundert Papiergeld ausgegeben wurde, sind die ältesten erhaltenen Scheine aus der Epoche des großen Krieges (Hung-Wu) von 1368-1398. 

Der älteste erhaltene Schein:  1 Kwan=10 Münzschnüre zu 100 Cash wurde auf Papier gedruckt, dass aus der Rinde des Maulbeerbaumes gewonnen wurde.

Diese Scheine sind für China jung, für europäische Verhältnisse aber alt, denn erst einhundert Jahre später kam es zu der ersten Ausgabe von Papiergeld in Europa. Anlass dafür war aber nicht die Einsicht in die Vorteile solchen Geldes, sondern nur der Mangel an Metall.

 
 Das erste "Notgeld" aus Papier

Als nämlich 1483 die Mauren die spanische Stadt Alhama belagerten, konnte der Befehlshaber der eingeschlossenen Truppen, Graf von Tendilla, den Sold nicht mehr bezahlen. Da aber bekanntlich Ordnung auch in der größten Not sein muß, ließ er Papiergeld herstellen, das nach dem Ende der Belagerung gegen "richtiges" Geld, also gegen Münzen, eingetauscht wurde. 
Offensichtlich war jeder, der so ein Stück Papier hatte, begierig darauf, es sofort wieder einzutauschen, denn es ist nicht ein Schein erhalten geblieben. 
So brachte also die "Not" in den belagerten Städten die Europäer dazu, sich zum ersten Mal mit Geldscheinen zu befassen. Und die "Not" sollte auch weiterhin mit dem Papiergeld eng verbunden bleiben, denn die nächsten Ausgaben geschahen ebenfalls in Notzeiten, vor allem während des 30-jährigen Krieges von 1618 bis 1648, als viele belagerte Städte kurzzeitig "Notgeld" aus Papier herstellen ließen.
 
 Die ersten Banknoten in Europa 

Diese Erfahrungen aus Kriegszeiten gingen nicht verloren. Die Zeit war reif für den ersten, größeren Versuch einer Papiergeldausgabe. Wo aber konnte dieser Versuch gestartet werden? Erinnern Sie sich noch an die großen Kupferplatten? Richtig! In Schweden hatte man langsam die Taschen zu voll von dem Riesengeld und so durfte mit königlicher Genehmigung der aus Riga stammende Johann Palmstruch 1656 eine Bank eröffnen, die bereits 1661 mit der Ausgabe der ersten richtigen europäischen Banknoten begann.


 

Zu den ältesten europäischen Banknoten zählt der 50 Daler -Schein von 1666 aus Stockholm


 
 Es gibt viel Ärger mit dem neuen Geld 

Zu Anfang ging alles gut, doch dann machte Johan Palmstruch den Fehler, den nach ihm auch die meisten anderen Papiergeldemittenten machten: Sie konnten dem Drang nicht widerstehen, mehr Scheine auszugeben, als durch vorhandenes Vermögen gedeckt waren. Das brachte über kurz oder lang jeden in Schwierigkeiten und so endeten die Versuche immer wieder mit Inflationen oder Bankzusammenbrüchen, die keineswegs halfen, das Vertrauen der Menschen in diese neue Art der Zahlungsmittel zu fördern.

 Französische Assignaten 

Die Papiergeldgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts ist angefüllt mit kleinen und großen Krächen, deren gewaltigster die gescheiterte Banknotenausgabe nach der Revolution in Frankreich war. Die Regierung druckte Assignaten - so nennt man heute diese Geldscheine - ohne Unterlass und ohne jede Deckung. Kein Wunder, dass nicht nur die Finanzmärkte, sondern wegen deren Zusammenbruch auch die Ideen der Revolution keine Überlebenschancen hatten. 

Französischer Assignat zu 10 Sols von 1793. Von franz. Revolutionsheeren in großen Mengen ins Rheinland gebracht.

Erst als die Nachwirkungen dieses Finanzfiaskos mit der Neuordnung des Bankenwesens auf Betreiben Napoleons im Jahre 1800 ausgestanden waren, begann der unaufhaltsame Siegeszug des Papiergeldes in Europa und dem Rest der Welt. 

 Frühes deutsches Papiergeld 

Die ältesten deutschen Geldscheine, die erhalten geblieben sind, sind fast alles Notgeldscheine. Wir kennen heute Ausgaben aus belagerten Städten von Mansfeld in Thüringen (1622), Mainz (1793), Kolberg (1807) und Erfurt (1813).

 Endlich - richtige deutsche Banknoten 

Danach aber übernahmen staatliche Stellen die Ausgabe von Geldscheinen und das "Notgeld" geriet immer mehr in Vergessenheit. 
Alles schien in bester Ordnung. Die Wirtschaft florierte; die Nominale der Banknoten und der deutsche Hochmut stiegen. Alles ging seinen mehr oder minder geordneten Gang; bis zu jenem 28. Juni 1914, als im fernen Serbien der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin ermordet wurden. Kurz darauf fand sich Deutschland an der Seite Österreichs im ersten Weltkrieg wieder. 

Deutscher Darlehenskassenschein vom 1. Weltkrieg für die besetzten russischen Gebiete

Deutscher Darlehenskassenschein vom 1. Weltkrieg für die besetzten russischen Gebiete (Bild: Thomas Schmidtkonz)

 
 Das erste deutsche Notgeld im 20. Jahrhundert
Mit Deutschlands Kriegseintritt begann die Geschichte des deutschen Notgeldes im 20. Jahrhundert, die erst nach der Währungsreform 1948 ihren vorläufigen Abschluss fand. Dazwischen lagen Zeiten der Hoffnung, dass alles vorbei sei, aber auch Zeiten tiefster Verzweiflung, wie die Inflation mit ihren nicht mehr zu zählenden Nullen auf den Geldscheinen, die Weltwirtschaftskrise und - vor allem - der zweite Weltkrieg, in denen niemand mehr einen Ausweg zu finden glaubte. 
Der erste Notgeldschein des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland wurde vermutlich am 31. Juli 1914 in Bremen ausgegeben, also noch vor Beginn des ersten Weltkrieges. Ihm folgten dann aber innerhalb kürzester Zeit so viele andere, dass bis heute ihre genaue Zahl nicht feststeht. Vermutlich haben zu Beginn des Krieges rund 460 verschiedene Stellen fast 2000 verschiedene Scheine ausgegeben, wobei Abweichungen im Papier, in den Kontrollnummern, in der Textanordnung, den Stempeln und den Unterschriften nicht mitgezählt wurden. 
Diese Entwicklung wurde durch Kleingeldhamsterei, Panikkäufe und viele andere Gründe vor allem in den vom Feind bedrohten, grenznahen Industriegebieten Elsaß und Schlesien eingeleitet. Hier konzentrieren sich die frühen Notgeldausgaben, die besonders deswegen für Aufsehen sorgten, weil sie zum erstenmal der siegesgewissen deutschen Bevölkerung vor Augen führten, dass doch nicht alles Gold war, was da glänzte. Durch diese Ausgaben wurde nämlich das Recht der Notenbank gebrochen, allein Geldscheine ausgeben zu dürfen. Da aber der akute Zahlungsmittelmangel zu großer Unruhe in der betroffenen Bevölkerung führte - was man auf jeden Fall vermeiden wollte - wurden diese Ausgaben nachträglich für rechtmäßig erklärt. 


  St. Amarin Oberelsass  - 20 Mark der Gemeindekasse 

Dem ersten Notgeldsturm folgte bald der zweite. Der länger als erwartet andauernde Krieg führte zum Steigen der Edelmetallpreise. Der innere Wert der silbernen ½-Mark-Stücke wurde größer als ihr Nennwert, sie verschwanden vom Markt. Diese Lücke mußte von den Nickelmünzen geschlossen werden, aber ihre Menge reichte einfach nicht aus. Zudem verschwanden langsam auch die Nickelmünzen, weil das kriegswichtige Metall anderweitig gebraucht wurde. Eisen- und Zinkmünzen traten an ihre Stelle, aber die Prägeanstalten konnten den Bedarf nur zu einem Bruchteil decken. So blieb den Städten und Gemeinden, den Industriebetrieben, Händlern und Gastwirten gar nichts anderes übrig, als ihr eigenes Kleingeld zu produzieren. 

 Neues Notgeld am Ende des Krieges 

Wer nun aber geglaubt hatte, der Notgeldbedarf sei irgendwann gedeckt und in der Wirtschaft könne man wieder zu geordneten Verhältnissen finden, sah sich getäuscht. Nicht nur, dass der Mangel an Kleingeld bestehen blieb und immer mehr Ausgaben im Deutschen Reich nach sich zog; nein, das Ende des Krieges brachte auch noch einen Mangel an Großgeldscheinen mit sich, der dazu führte, dass ab Oktober 1918 auch Scheine mit Nennwerten von 1 bis zu 100 Mark privat hergestellt und ausgegeben werden mussten. 
Die Flut der Notgeldausgaben war inzwischen so groß geworden, dass es kaum noch möglich war, alle Ausgaben der näheren Umgebung zu kennen, geschweige denn, Ausgaben weiter entfernt gelegener Orte. 

 Notgeld - auch etwas zum Sammeln!

Die große Menge der Notgeldscheine brachte auch die Sammler auf den Plan. Bereits die Ausgaben von 1914 waren zu begehrten Sammelobjekten geworden und schnell bezog das Interesse auch die späteren Ausgaben mit ein. Überall gab es Notgeld zu kaufen. Fast jeder Tabakwarenhändler bot auch Scheine an. Sammlerklubs schossen wie Pilze aus der Erde, die Stadtverwaltungen, Firmen und Institutionen, die bereits Notgeld ausgegeben hatten, konnten sich vor Nachfragen von Sammlern kaum retten. So wurden bald Sondergebühren für die Abgabe von Scheinen eingeführt und - da die Nachfrage immer größer wurde - schließlich sogar spezielle Scheine für Sammler gedruckt. 
Ab Anfang 1921 zielte fast die gesamte Notgeldproduktion nur noch auf den Geldbeutel der Sammler. Genügte vorher ein Schein für eine Wertstufe, so waren es jetzt oft vier oder sechs, manchmal sogar bis zu 20 Scheine. Das brachte genügend Geld in die leeren Kassen. 
Doch die Konkurrenz wurde schnell größer. Am Ende gab es wohl von über 1400 Stellen diese Scheine, die, da oft in zusammengehörenden Reihen produziert, "Serienscheine" genannt werden. Um seine eigenen Scheine weiterhin gut verkaufen zu können, mußte man sich schon etwas einfallen lassen. 
So gab es ganz ungewöhnliche und ungebräuchliche Nominale wie die Scheine von Wittenburg für 99, 199 und 299 Pfennige; oder teilbares Kleingeld, auch hier völlig ungebräuchliche Nominale wie die 97+2+1 Pfennige aus Freiberg in Sachsen.

Eine beliebte Methode war die Verwendung ungewöhnlicher Materialien. So benutzte Gustav Habeck in Stralsund zerschnittene Spielkarten, während die Stadt Bielefeld ihre Scheine auf Leinen, Jute, Samt oder Seide druckte. 
Die Stadt Osterwieck verwendete Leder für ihre Notgeldscheine und der "Deutsche Handlungsgehilfen Verband" sogar dünne Sperrholzbrettchen.

 Notgeld als Kunst 

Vielen anderen Ausgebern blieb nichts anderes übrig, als durch ungewöhnliche Gestaltung des vorhandenen Platzes das Interesse der Sammler auf sich zu ziehen. So kam es zu einem künstlerischen Wettstreit, der vielen Heimatkünstlern Gelegenheit bot, sich mit einem guten Entwurf ein paar Mark in einer schweren Zeit zu verdienen. Doch auch einige der bekanntesten Künstler Deutschlands beteiligten sich an dem Spiel und steuerten manchen großartigen Schein bei. 

Runder Notgeldschein (Foto: Thomas Schmidtkonz)

 
 Briefmarkengeld 

Die Verwendung von Briefmarken anstelle von Kleingeld hatte in ganz Deutschland solchen Umfang angenommen, dass es Dutzende von verschiedenen Systemen gab, um die Briefmarken zu schützen und gleichzeitig Werbung zu treiben. Aus ganz Deutschland sind mehrere Tausend solcher Briefmarkengelder und "Kapselmarken" bekannt. 

 

 
 Die Reichsbank verbietet die Ausgabe von Notgeld 

Dann kam das Jahr 1922. Die Ausgabe von Notgeld hatte jeden Rahmen gesprengt und die Bemühungen der Reichsbank, genügend Münzen und Banknoten zur Verfügung zu stellen, waren endlich von Erfolg gekrönt. So kam es nach manchen Gerüchten und vielem Hin und Her am 17. Juli 1922 zum endgültigen Verbot aller Notgeldausgaben. 
 
 Ersatzzahlungsmittel in Gefangenenlagern

Auf ein besonderes Gebiet der Geldausgabe müssen wir hier noch eingehen. Schon kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges machte die deutsche Armee die ersten Gefangenen. Die militärischen Anfangserfolge ließen die Zahl der Internierten schnell gewaltig ansteigen und überall in Deutschland wurden Gefangenenlager eingerichtet, in denen die Kriegsgefangenen untergebracht wurden. 
Die einfachen Soldaten mussten arbeiten und erhielten nach den Regeln der Genfer Konvention dafür Lohn. Die Offiziere bekamen auch ohne Arbeit einen Teil ihres Soldes. Diese Beträge wurden aber nicht in offiziellen Scheinen und Münzen ausgezahlt. Statt dessen fertigte man eigenes Geld an, das nur innerhalb des Lagers Gültigkeit hatte. Damit sollte verhindert werden, dass ein Flüchtling außerhalb des Lagers einkaufen und dadurch seine Flucht erleichtern konnte. 
Kriegsgefangenenlagerscheine sind kein Notgeld, das von der Bevölkerung benutzt werden konnte. Da sie aber wie diese Ausgaben infolge des Krieges entstanden und natürlich auch "Ersatzzahlungsmittel" sind, werden sie viel gesammelt.
 
 Die Inflation beginnt 

Weiter oben habe ich schon auf das Verbot allen Notgeldes am 17. Juli 1922 hingewiesen. Die Erleichterung der Bevölkerung über das Ende der "Zettelwirtschaft" war genau so groß, wie das Bedauern der Ausgabestellen und Händler, die ja mehr oder minder ordentlich an den Verhältnissen verdient hatten. 
Die Meinung der Sammler war geteilt. Einige hofften, sich jetzt in Ruhe der Vervollständigung ihrer Sammlungen widmen zu können, andere bedauerten, dass es nun nichts Neues mehr gäbe. Diesen Sammlern konnte bald geholfen werden. Schneller als sie oder sonst jemand es erwartet hatte und gewaltiger als es sich irgend jemand wohl hatte vorstellen können, brach die Inflation über Deutschland herein. 
Inflation, dieses Schreckgespenst aller Sparer, Verdiener und Finanzminister, dieses Paradies für Schuldner, Schieber und Schwarzhändler, was ist das eigentlich? Im Grunde ist es ganz einfach: Das Geld wird jeden Tag weniger wert. 
Es fängt meistens relativ langsam an, wie in jenen Herbsttagen des Jahres 1922 in Deutschland. Da machte sich auf einmal ein Mangel an Scheinen mit Werten zwischen 100 und 5000 Mark bemerkbar. Wozu brauchte man überhaupt solche Scheine? 
 
 Wieder einmal: Notgeld 

Nun, die Dinge des täglichen Bedarfs waren knapper geworden, Deutschland zahlte seine Reparationen für den verlorenen Krieg nicht mit Geld, sondern vor allem mit Maschinen und Waren. Diese fehlten auf den Inlandsmärkten und zogen im Preis an. Um sie bezahlen zu können, mussten die Arbeiter mehr verdienen. Um ihre Arbeiter besser entlohnen zu können, mussten die Arbeitgeber ihre Waren verteuern. Die Spirale fing an, sich zu drehen. Die Reichsdruckerei in Berlin konnte nicht genug Scheine produzieren, um den Bedarf zu decken. Doch dieser Mangel ließ sich beseitigen. Wie, das wussten die Menschen noch aus den vergangenen acht Jahren: Man produzierte sein eigenes Geld.

Notgeldschein der Deutschen Reichsbahn von 1923

Notgeldschein der Deutschen Reichsbahn über 100 Milliarden Mark von 1923  (Bild von Thomas Schmidtkonz)

 Kein Ende in Sicht 

Doch die Ereignisse zum Jahresende 1922 bedeuteten nicht das Ende der Inflation - im Gegenteil! Im Frühjahr 1923 hatte es zwar für drei, vier Monate den Anschein, als seien die Bemühungen der Regierung und der Reichsbank erfolgreich und die Preisspirale könnte zum Stillstand gebracht werden. Doch die Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen - angeblich hatten die Deutschen einen Eisenbahnwaggon mit Telegraphenmasten als Reparationszahlung nicht geliefert - und der darauf folgende Generalstreik in den besetzten Gebieten machten alle Bemühungen zunichte. 
Im Juli wurde die Geldentwertung erneut deutlich spürbar. Die Waren wurden immer teurer, die Zahlungsmittel immer knapper. Die Reichsbank versuchte verzweifelt, der Situation Herr zu werden. Die Druckpressen der Reichsdruckerei liefen Tag und Nacht und konnten doch nicht im geringsten mit dem wachsenden Geldbedarf Schritt halten. 

 

Verwaltungsgebäude der Reichsdruckerei

 Bemühungen der Reichsbank

Die Entwürfe der Reichsbanknoten wurden immer einfacher und schmuckloser; man verzichtete darauf, die Rückseite der Scheine zu bedrucken; nichts half. Die Reichsbank wagte einen ungewöhnlichen Schritt und beauftragte Privatdruckereien mit der Herstellung von Banknoten. Am Ende waren es bis zu 135 Druckereien im ganzen Deutschen Reich, deren Personal mit der Produktion von Papiergeld allein für den Staat beschäftigt war. Aber - die Inflation war schneller!

 So viel Notgeld wie nie zuvor 

Nie vorher oder nachher hat es in Deutschland so viel Notgeld gegeben wie in den fünf Monaten Juli bis November 1923. Bisher sind mehr als sechstausend Ausgebestellen bekannt, die zwischen einem und mehreren hundert verschiedener Scheine verwendet haben. 
Niemand kennt die genaue Zahl der nach Gestaltung, Ausgabedatum und Nennwert unterschiedlichen Scheine, die in Deutschland im Umlauf waren. Über hunderttausend werden es gewesen sein. Zählt man auch noch die für Sammler interessanten Varianten bei der Papierstärke und -farbe, dem Wasserzeichen, der Form der Unterschriften, den verwendeten Stempeln und den Kontrollnummerformen sowie die Veränderungen der Textanordnung und die Druckfehler, erhält man eine Zahl, die irgendwo zwischen einer halben und einer Million Scheine liegt. 

 Niemand kennt sich mehr aus 

Wie schon weiter oben gesagt: Die Inflation war ein Schreckgespenst für die Betroffenen. Was dem heutigen Sammler das Sammeln erst reizvoll macht, nämlich die große Zahl der unterschiedlichen Ausgaben und dazu die unendlichen Varianten, das war für alle in Deutschland lebenden Menschen in der zweiten Hälfte des Jahres 1923 schrecklicher Alltag. Wer sollte sich denn in der großen Zahl der im Umlauf befindlichen Scheine auskennen? Wer konnte schon entscheiden, ob ein Schein echt oder eine Fälschung war? Wer wußte schon, ob ein Aussteller wirklich die Scheine wieder einlösen wollte und konnte, oder ob er nur schnell an der heimischen Druckerpresse den Grundstock zu einem bescheidenen Vermögen gelegt hatte? Selbst die Banken und Sparkassen waren überfordert. Man hatte längst den Überblick verloren! 
Um der Papiermengen wenigsten etwas Herr zu werden, teilten die Institute von Zeit zu Zeit mit, dass man Scheine unter einem bestimmten Nennwert nicht mehr annähme und Sparbeträge unter einer gewissen Höhe nicht mehr verzinse. Doch schon wenige Tage später waren auch die übrig gebliebenen Summen nicht einmal mehr das Papier wert, auf das sie gedruckt oder geschrieben waren. 
 
 Ein Paradies für Sammler, ein Alptraum für die Betroffenen! 

In den Betrieben, Geschäften und Banken ging ein großer Teil der Zeit vieler Beschäftigter damit drauf, Geld zu sortieren, zu zählen und zur Weitergabe vorzubereiten. Und diese Arbeit musste schnell gehen, denn am nächsten Tag war das Geld schon wieder weniger wert.
 
 Der Preis für ein Ei

Eine Hausfrau, die am Ende des Krieges 1918 die 25 Pfennige für ein Ei noch mit einer kleinen Münze aus dem Portemonnaie bezahlen konnte, mußte 4 Jahre später - im Herbst 1922 - schon einige Scheine auf den Tisch des Händlers legen, um die 180 Mark begleichen zu können. 
In der Endphase der Inflation im November 1923 hatte sie unter Umständen einen ganzen Waschkorb voller Scheine abzuliefern, ehe die stolze Summe von achtzig Milliarden Mark für ein Ei erreicht war. Hätte man die Nullen in dem Betrag anstelle der Eier essen können, so wären es immerhin - zählen Sie selbst: 80.000.000.000 - 10 Eier gewesen. 
1918 noch hätte man für 80 Milliarden Mark 320 Milliarden Eier bekommen; genug, um jeden Bewohner der Bundesrepublik Deutschland rund 10 Jahre lang jeden Morgen mit einem Frühstücksei zu versorgen. 

50 Milliarden Mark vom Oktober 1923 (Foto: Thomas Schmidtkonz)

 Was ist eine Billion? 

 Jeder Schrecken hat ein Ende! Am 20. November 1923 war es mit diesem soweit. Die Scheine verloren ihre Nullen; aber der Preis, den man zu zahlen hatte, war gewaltig: Eine Rentenmark bekam man im Tausch gegen eine Billion Papiermark. Wissen Sie, wieviel ein Billion ist? Ich habe immer große Schwierigkeiten, mir das vorzustellen. Als Zahl sieht das so aus: 1.000.000.000.000, eine 1 mit 12 Nullen. 1 Billion Millimeter ergeben immerhin eine Strecke von 1 Million Kilometer, dass ist 25 mal um die Erde herum. Auch als Zeit ist eine Billion eine gewaltige Zahl. Ein Tag hat 86.400 Sekunden, 1 Billion Sekunden wären demnach 11.574.074 Tage oder rund 31.710 Jahre. 
Der Wechselkurs für den amerikanischen Dollar sieht sogar noch beeindruckender aus. Er wurde auf 4,20 Rentenmark für einen Dollar festgelegt, also 4 Billionen 200 Milliarden Mark. Wollen Sie das auch noch einmal als Zahl sehen? Hier, bitte schön: 4.200.000.000.000!

 Wertbeständiges Notgeld 

 Als man im Herbst 1923 das Anwachsen der Zahlen in diese gewaltigen Dimensionen zwar noch nicht absehen, vielleicht aber schon ahnen konnte, versuchte man vielerorts dieser Nullen-Schwemme mit anderen Mitteln zu begegnen. Man stellte die Notgeldscheine nicht mehr auf Mark aus, sondern man nahm den amerikanischen Dollar als Grundlage für Goldmarkscheine. Dabei nahm man den Vorkriegs-Wechselkurs, mit dem man auch am Ende der Inflation abrechnete: 4,20 Goldmark für einen Dollar. So ergab sich die kuriose Situation, dass in Deutschland Geld gültig war, das auf die Währung eines anderen Staates lautete. (Diese Situation wiederholt sich heute in Jugoslawien, wo die DM inzwischen offizielle Währung ist.) 
 

 Seltsame Wertangaben auf Notgeldscheinen 

Natürlich mussten diese Scheine - wir sind ja in Deutschland und da hat bekanntlich alles seine Ordnung - auch gedeckt sein. Mit dieser Deckung war das so eine Sache. Gold war meistens keines mehr vorhanden und so verfiel man mancherorts auf den Ausweg, andere vorhandene Werte als Deckung für die Scheine einzusetzen. Besonders oft war es Getreide, aber auch Holz, Gas, Wasser und elektrischer Strom wurden benutzt. Ja, sogar Margarine und Ziegelsteine fanden sich als Währungsangabe auf Scheinen wieder.

Viele dieser sogenannten "wertbeständigen" Ausgaben wurden auch noch nach dem Ende der Inflation benutzt, da natürlich nicht gleich neue Zahlungsmittel in ausreichendem Maße zur Verfügung standen. Eine absolute Notwendigkeit dafür bestand aber nicht.


 

 Nach der Inflation

Mit der Einführung der Rentenmark erlangten Deutschlands Wirtschaft und Währung ihre Stabilität zurück, und - obwohl es noch so manche gefährliche Klippe wie zum Beispiel die Weltwirtschaftskrise zu umschiffen gab - die Stabilität blieb weitgehend gewahrt.

 

 Der zweite Weltkrieg und seine Folgen

Einige Jahre später, nachdem er sich den Deutschen als Erretter aus aller Not präsentiert hatte, überfiel dann diesen Herrn aus Österreich eine ganz absonderliche Idee und er setzte sie flugs in die Tat um. Die Welt hatte den zweiten Weltkrieg. Unter seinen Folgen musste die ganze Welt, besonders aber Deutschland, fürchterlich leiden - und einige Leute leiden noch heute. 

Ein Kronenschein der Tschechoslowakei mit Überdrück "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren"

Ein Kronenschein des von Deutschland besetzten Reichsprotektorat Böhmen und Mähren (Bild von Thomas Schmidtkonz)

 

 Wieder einmal: Notgeld

Auch die Wirtschaft wurde im zweiten Weltkrieg schwer angeschlagen, und so kam es - neben vielen Ersatzgeldern für Soldaten, Gefangene, Vertriebene und Eingesperrte - in den letzten Kriegstagen 1945 und nach dem Krieg kurz vor der Währungsreform 1947/48 erneut zu vielen Behelfsausgaben, die die wieder einmal auftretende Kleingeldnot lindern halfen.

 
 Wir sind am Ende

So, lieber Leser, Sie haben es geschafft! Wir hoffen, dass dieser Text nicht zu trocken und uninteressant für Sie war. Wenn Sie mehr über Notgeld wissen wollen, schauen Sie Sich die anderen Seiten unserer Homepage an oder wenden Sie Sich direkt an uns.

 
Oliver Sens  E-MAIL:    lisa und oliver
Telefon +49 - 3904 - 40129 Fax + 49 - 3904 - 40782 

Kai Lindman, kolme k - Verlag, Am Hang 2A, 38518 Gifhorn
Tel. 05371-54538, Fax 05371-18161
www.kolme-k-verlag.de  kontakt@kolme-k-verlag.de

Zurück zur Antiquitäten-Übersicht  

Zurück zur Übersicht
 

| Startseite | Sammelgebiete | Sitemap | Veranstaltungen | SammlerWelt | Für Händler + Hersteller | Suche | Service | Nutzungsbedingungen | Kontakt / Impressum |
Copyright © 1998/2016 sammlernet.de - Für die Richtigkeit der Angaben übernehmen wir keine Haftung: Haftungsausschluss