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Bleistifte sammeln - Kurzinformation über Bleistifte

Burkhard Straßmann erzählt über die Faszination Bleistifte.

 

Bleistift in einem alten Briefumschlag

Ein Bleistift und Brief

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Bleistift

Der Bleistift

Bleistift

»Mein Körper ist von Holz, sehr leicht zu brechen. Mein Herz kann ohne Stimme zu euch sprechen.«

VON Zedernholz ist er, und sein Herz ist nicht aus Blei, auch wenn er so heißt: nach dem Bleistift lässt uns Johann Peter Hebel in seinem Rätsel suchen.

Und ganz ohne Zweifel meint er das gleiche sechseckige schlanke unbedingt jägergrüne Stäbchen aus Nürnberg, von dem van Gogh einem Freund vorschwärmt, es sei »sehr weich und von besserer Qualität als die Zimmermannsstifte, eben ein famoses Schwarz, und man arbeitet damit sehr angenehm bei großen Studien«.

Bleistift auf Graphit-Brocken

Die Engländer haben jenen folgenschweren Irrtum von 1564 zu verantworten, als sie in den Bergen Cumberlands schwarzes fettiges Gestein fanden und es für Blei hielten. Viel zu spät - der Name »Bleistift« war nicht mehr aus der Welt zu schaffen - erkannte man in dem »Schreibstein« das Graphit, einen reinen, kristallinen Kohlenstoff, eng verwandt mit dem Diamanten.

Trotz seiner inneren Nähe zur Kunst ist der Bleistift nie anders als bescheiden, unprätentiös und wohlfeil gewesen, eine in Holz geleimte Mine, deren Härte von 8B (wie »black«) über HB bis 8H (wie »hart«) reichen kann. Der Bleistift verzehrt sich beim Schreiben selbst, bis er schließlich das rührende Bild eines Bleistiftstummels liefert, der womöglich beiderseitig angespitzt ist. Merkwürdig ist übrigens, dass sich kaum jemand besinnen kann, einen Stummel am Ende weggeworfen zu haben. Er hat sich wohl — Gipfel der Bescheidenheit — in aller Stille davongemacht!

»Indessen zieht der Kuno aber
den Bleistift Nr.5 von Faber;
und Hinterstich, der sehr rumort,
wird mehrfach peinlich angebohrt.

Der Kuno, seines Sieges froh,
verlässt das Redaktionsbüro.
Ein rechter Maler, klug und fleißig,
trägt stets 'n spitzen Bleistift bei sich.«

Bleistift-Bündel

Wilhelm Buschs Maler Klecksel macht hier eindringlich klar, dass der Bleistift nur so gut sein kann wie sein Spitzer. Beide verbindet eine ambivalente Beziehung. Zum einen verhilft der Spitzer, das Ersatzmesser aufgeschraubt, die Flanken abrutschsicher geriffelt, dem Bleistift immer aufs neue zur Spitzenform, indem er wunderschöne ellenlange Holzflocken abschält. Zugleich aber arbeitet der Spitzer sukzessiv an der Vernichtung des Bleistifts.

Ein Paradoxon mit philosophischem Reiz bildet der radiergummibestückte Bleistift. Durch einfache 180º- Wendung stellt er sich und seinen Sinn in Frage, indem er die Produktion seines einen Endes mit dem anderen Ende vernichtet.

Herstellungsprozess eines Bleistiftes

Herstellungsprozess eines Bleistiftes

Was tut ein Schriftsteller, wenn er einmal steckenbleibt? Ein Robert Waiser jedenfalls »bleistiftelt« dann: »Für mich ließ es sich mit Hilfe des Bleistifts wieder besser spielen, dichten; es schien mir, die Schriftstellerlust lebe dadurch von neuem auf.«

Schließlich, wenn nichts mehr geht, dürfen sich die Zähne durch splitternden Lack ins weiche Holz durchbeißen; im regressiven Kauen und Lutschen findet der Schreiber den Trost, den seine Zeilen versagen. Und bald darauf entströmt der Kaustelle ein schwerer süßer trauriger Geruch wie von verlorener Kindheit...

Kugel- und Faserschreiber hin, Homecomputer her: die deutsche Bleistiftindustrie blickt zufrieden auf Zuwachsraten und Prognosen. 1985 erzielten 71 Hersteller mit 11400 Mitarbeitern eine i5%ige Produktionssteigerung!

Jedes schlechtere Ergebnis wäre allerdings auch eine Blamage für ein Land, dessen Sohn in Dichtung und Wahrheit schrieb:
Bleistift in einem alten Briefumschlag »In eben diesem Sinne griff ich weit lieber zum Bleistift, welcher williger die Züge hergab: Denn es war mir einigemale begegnet, dass das Schnarren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandlerischen Dichten aufweckte, mich zerstreute und ein kleines Product in der Geburt erstickte.«
Nicht auszudenken, wie viele »kleine Producte« ohne den Bleistift noch alle in der Geburt erstickt wären...

Burkhard Straßmann

Aus
"Die Galerie der kleinen Dinge"
Kleines kulturgeschichtliches ABC Haffmans Verlag, Zürich 1990
nur noch antiquarisch erhältlich

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