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Baukästen sammeln - Kurzinformation und Einführung in das Thema Baukästen und Bausteine sammeln

Auf der folgenden Seite finden Baukästen-Sammler eine Kurzinformation und Einführung zum Thema Baukästen sammeln.

Anker-Bausteine

Baukasten mit Bausteinen

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Rügenkreide, Leinöl und Quarz
In Thüringen werden die berühmten Anker-Bausteine hergestellt

Anker-Steinbaukästen
In seinen Weihnachtsgeschichten unter dem Titel "Dies ist die stillste Zeit im Jahr" hat der österreichische katholische Dichter Karl-Heinrich Waggerl den Anker-Bausteinen ein literarisches Denkmal gesetzt. Im 19. Jahrhundert, in einer Zeit ohne Fernsehen und Radio, eigneten sich die langen Abende in der stillen Zeit des Advents so recht, Kirchen, Burgen, Landhäuser, Villen, Mausoleen und Festungen zu bauen.

Die farbigen Steine aus den Anker-Bausteinkästen lösten die Holzklötze ab. Seit der Erfindung der Legosteine hat kein Spielsystem einen solchen Siegeszug rings um die Welt erlebt. Um 1875 wurden die ersten Steinbaukästen hergestellt. Sie kamen aus dem thüringischen Rudolstadt an der Saale. Ihr Hersteller war der Drogist und Fabrikant Friedrich Adolf Richter. Die Idee der Holzbaukästen geht auf den Pädagogen Friedrich Fröbel zurück, der auch als Erfinder der Kindergärten gilt. Die Idee für die Steinbausteine stammt immerhin von dem Fluggeräteerfinder Gustav Lilienthal.

Vor mehr als 30 Jahren stellte die damalige DDR die Produktion der Bausteine ein. Niemand kennt den Grund. Vielleicht ging die Nachfrage zurück, vielleicht haftete jedoch an ihnen auch die Tradition der großbürgerlichen Zeit. Schließlich wurde, einige Jahre nach der Wende, im Jahr 1995 wieder der Betrieb aufgenommen – von einem Münchner Professor und seinen Freunden, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit den Anker-Bausteinen gespielt und sich jetzt mit wenig eigenem Geld und mit viel Fördermitteln ans Werk machten.

Zunächst sind die Steine selber eine Besonderheit. Die Rohstoffe, aus denen sie hergestellt werden, kosten wenig. Es sind Quarzsand aus der Gegend von Rudolstadt, Kreide aus Rügen, dazu Leinöl und etwas Farbe, alles in der Trockenmasse zusammengepresst. Natürliche Grundstoffe ohne chemische Zutaten. Das passt in unsere ökologisch bewusste Zeit. Jeder Stein gleicht wie ein Ei dem anderen, auch in Aussehen und Größe. Alles ist bewusst nostalgisch gehalten, sogar die Aufkleber auf den sorgsam hergestellten Holzbaukästen, die aus einer Behindertenwerkstatt am Ort selber kommen. Auch an die Zählung der verschiedenen Sortimente hält sich das neue Unternehmen. Baukasten Nummer sechs enthält exakt 105 Bausteine und wiegt 3,5 Kilo.

Anker-Bausteine

Firmengründer Richter, der bisher viel zu wenig als Marketing- und Verkaufsgenie bekannt ist, entwickelte im 19. Jahrhundert in rascher Folge immer neue Kästen, um den Umsatz anzukurbeln. Er spekulierte auf die "Bauwut" seiner jungen und alten Kunden, vor allem aus dem Bürgertum. Zuletzt brillierte er mit seinem Kasten Nummer 35, mit ungefähr 3 800 Steinen, der sage und schreibe 75 Kilo wog. Insgesamt gab es 400 verschiedene Steinbaukästen mit über 1 200 unterschiedlichen Bausteinen! Ob die jetzige Firma diese Angebotsfülle erreicht, ist eher fraglich. Alle Bausteine müssen von der Produktion her sorgfältig vorbereitet werden. Jeder Baustein braucht eine eigene Form. Das würde Millionen an Investitionen bedeuten. Die neue Firma möchte zwar mit Sand, aber nicht auf Sand bauen ...

Vom Export verspricht sich die Firmenleitung in Rudolstadt die größten Zuwachsraten. Schon gehen 40 Prozent der Baukästen nach Japan und in die USA. Im laufenden Jahr werden insgesamt 15 000 Baukästen hergestellt. Im Jahr 1998 wird der Umsatz von einer Million Mark überschritten.

Im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts begann im Erzgebirge Friedrich Fröbel (1782 bis 1852) mit seinen Holzbaukästen, mit Körpern wie Kugeln, Würfeln und Walzen. Das Kind sollte sehen, wie sich Einzelnes zum Ganzen fügt oder das Ganze selbst wieder zerlegbar ist. In den siebziger Jahren kam Gustav Lilienthal auf die Idee, keramisches Material zu verwenden. Mit seinem Bruder Otto entdeckte er in einem alten Lehrbuch das spätere von Richter übernommene Verfahren, aus Kreide, Sand, Leinöl und Farben, die an Sandstein, Ziegel und Schiefer erinnerten, Steinbausteine herzustellen.

Richter, der schon als Drogist und Verkäufer von Naturprodukten erfolgreiche Geschäfte gemacht hatte, brachte Lilienthal um den finanziellen Erfolg seines Werks. Er ließ das Verfahren patentieren, beutete das System aus, passte sich vor allem dem Geschmack des Jahrhunderts an, brachte immer neue Arten heraus, vom Mausoleum über Kirchen und Kapellen, von Landhäusern bis hin, im Fieber des Ersten Weltkrieges, zu Festungen. Er führte die Preisbindung für seine Baukästen ein. Richter schaltete die Konkurrenz aus – und fand vor allem durch Anzeigen und Bauanleitungen Methoden, die Nachfrage nach neuen Kästen immer wieder anzuheizen. Man würde heute sagen, Richter fand Marktlücken, produzierte auf den Markt zugeschnitten, erzeugte Nachfrage und setzte auf Markenqualität und gleich bleibende Qualität.

Anker Ergänzungskasten Nr. 16a

Dr. Claudia Müller ist Produktionsleiterin des kleinen Betriebes in Rudolstadt. Sie hat die Maschinen und die Produktionslinie mitentwickelt, die die schweren Handpressen abgelöst haben, die noch aus der DDR-Zeit da waren. Das Produktionsverfahren ist ähnlich schwierig wie bei Porzellan. Trotz sorgfältiger Vorbereitung ist das Ergebnis nicht genau vorauszusagen. Genauigkeit und Wissen sind nicht so stark wie die Steinmasse, die nach ihren Worten sehr launig reagiert, bei jedem Wetter anders. Auch das Leinöl muss fein verteilt werden, sonst ergeben sich auf der gedeckten Farbfläche der Steine dunkle Flecken. Genaue Kontrolle ist oberstes Gebot.

Ankerstein-Bauwerk Anker-Bausteine stellen heute ein hochpreisiges Spielzeug dar, sie sind nicht in jedem Laden zu finden. Käufer kommen vor allem aus der älteren Generation, weniger von deren Enkel, die mit hochtechnologischem Spielzeug aufgewachsen sind. Die Kunden waren die "Alten". Sie sammeln heute die Bausteine wie andere teure Weine und wertvolle Bücher.

Gerhard Thormählen, der für das Marketing zuständig ist, sagt, daß alle unwillkürlich anfangen zu bauen, wenn sie die Steine sehen und anfassen. Die Steine sind also im besten Sinn faszinierend, nicht nur spielerisch. Schließlich ist auch der pädagogische Effekt wichtig, daß sie nach dem Aufbau wieder eingeordnet werden müssen, fein und säuberlich in Erinnerung an die Ordnungsliebe des Kaiserreichs.

Durch den alten Park der Richterschen Villa in Rudolstadt an der Saale laufen hässliche Großröhren, ein Teil des alten Chemiekombinats. Die stattliche Villa des Fabrikanten und Drogisten Richter liegt unterhalb des Fürstenschlosses in einem großen Park. Im ehemaligen Wohnraum spielen Kinder – mit Anker-Bausteinen. Wo Richter seine relativ einfachen, aber erfolgreichen Strickmuster entwarf, durch Werbung an das Geld der Leute zu kommen, stehen heute Zeugnisse der Firmengeschichte, vom Anker-Baustein bis zur Billigschokolade und zum Fenchelhonig. Richter war als Drogist aus Dortmund gekommen und hatte einen Fürsten gefunden, der ihm den Weg zum Erfolg ebnete. Er schuf sich eine Art kapitalistischen Fürstensitz unterhalb der Burg, mit wenig Skrupel, viel Selbstvertrauen und Einfühlungsvermögen.

Heute steht ein Modell der Anker-Bausteine im Louvre von Paris. Heute werden nach über 100 Jahren Anker-Baukästen auf der Fifth Avenue in New York und auf der Prachtstraße, der Chuo-dori-avenue in Tokio, verkauft. Friedrich A. Richter schafft noch nach seinem Tod Arbeitsplätze.

René Marcel

 

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